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(mit Françoise Bastide), Zeitschrift für Semiotik, Stauffenburg Verlag, Tübingen, Band 6, Heft 3, 1984, Seite 257-264.

Lebende Detektoren und komplementäre Zeichen: Katzen, Augen und Sirenen (1984)

Summary. In order to prevent one part of society from possessing knowledge usable in the suppression of another, this article suggests that society allow information about the exact location of waste depositories to be forgotten and that only information about the existence of nuclear waste dapositories and about methods of measuring radiation be preserved. The biological option is recommended in measuring radiation: in order to make humans aware of the presence of atomic radiation, animals can be bred that will react with discoloration of the skin when exposed. Such an animal species should dwell within the ecological niche of humans, and its role as a detector of radiation should be anchored in cultural tradition by introducing a suitable name (e.g . "ray cat") and suitable proverbs and myths. Inadvertent intruders into waste depositories should be warned through iconic-indexical signs. Pictures of human body parts (e.g. a "broken eye") are argued to be appropriate optical signals; sirens powered by the available radiation energy are recommended as acoustic signals with loudness and sound varying according to the intensity of radiation present. However, the probability that such signals will be taken literally and interpreted as warnings by the addressees are judged to be low.

Zusammenfassung. Der Beitrag schlagt vor, den genauen Ort der Atommüllager der Vergessenheit anheim zu geben und nur das Wissen über die Existenz von Atommüllagern und über Methoden der Strahlungsmessung zu tradieren. Damit soll verhindert werden, daß ein Teil der Gesellschaft dem anderen politisch instrumentalisierbares Wissen voraus hat und ihn damit erpreßt. Für die Strahlungsmessung wird die biologische Option empfohlen: um die Kernstrahlung für Menschen wahrnehmbar zu machen, wird die Züchtung von Tieren vorgeschlagen, die aut radioaktive Bestrahlung mit Verfärbung der Haut reagieren. Diese Tierart soll in der ökologischen Nische des Menschen angesiedelt werden, und ihre Rolle als Strahlendetektor soll durch dia Einführung eines geeigneten Namens (z.B. "Strahlenkatze") sowie durch Sprichwörter und Mythen in der kulturellen Tradition verankert werden. Falls jemand unwissentlich in ein Atommüllager eindringt, so soll er durch ikonisch-indexikalische Zeichen gewarnt werden. Als optisches Signal wird die Darstellung eines menschlichen Körperteils (z.B. eines "brechenden Auges") und als akustisches Signal eine durch die Strahlungsenergie gespeiste Sirene vorgeschlagen, deren Lautstärke und Klang mit der Strahlungsintensität korrespondiert. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese Zeichen von den Adressaten wörtlich verstanden und als Warnung akzeptiert werden, wird von den Autoren allerdings skeptisch beurteilt.

1. Mögliche Szenarien für die Zukunft

Aus semiotischer Perspektive stellt das Problem der Übertragung einer lebenswichtigen Information über 10000 Jahre wirklich eine Herausforderung dar. Bevor wir zu eigenen Vorschlägen kommen, scheint uns freilich die Skizzierung möglicher Szenarien der Entwicklung der Menschheit vonnöten.
Zunächst müssen wir uns vorstellen, daß die Menschheit bis zu dem betreffenden Zeitpunkt überlebt hat, ohne daß sich ihre morphologischen und psychologischen Eigenschaften im wesentlichen verändert haben - wenn auch völlig verschiedene Kulturen (und Sprachen) existiert haben werden. Wäre dies nicht so, dann wäre das Vorhandensein von radioaktivem Abfall kein großes Problem. (Für bestimmte Arten von Erdbewohnern stellt er übrigens nicht einmal eine Gefahrenquelle dar.)
Das Problem taucht außerdem nur auf, wenn die Praxis der Lagerung solcher Abfälle unter der Erde oder in der Meerestiefe bis zu dem betreffenden Zeitpunkt aufgegeben worden sein sollte; andernfalls gäbe es ja Karten, auf denen die Atommüllager und andere vergleichbare Mülldeponien verzeichnet sind und mit deren Hilfe diese Plätze regelmäßig von den jeweils für die Atommüllagerung Verantwortlichen überprüft werden können. Zu betonen ist auch, daß die Strahlung, die von radioaktivem Abfall ausgeht, ein mehr als deutliches Signal für jemanden darstellt, der weiß, wonach er suchen muß. Für eine Zivilisation, die sich noch der Kernenergie bedient, ist die Entdeckung radioaktiver Strahlen technisch kein Problem.
Deshalb haben wir uns mit zwei entgegengesetzten künftig möglichen Entwicklungen auseinanderzusetzen:
a. Die erste Möglichkeit ist, daß sich die Menschheit (gewollt oder ungewollt) von allen wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit abwendet (und sie vergißt). Die Produktion von radioaktivem Abfall und die Herstellung von Geräten zur Messung radioaktiver Strahlung würden also eingestellt.
b. Die zweite Möglichkeit ist, daß die Menschheit weniger ungeschickte technische Lösungen für ihren Umgang mit radioaktiven Produkten entwickelt. Die Meßgeräte wären dann vorhanden, würden aber nicht zur Auffindung verborgener Atommüllagerstätten eingesetzt, bevor deren Existenz vermutet wird.
Das Wissen über Atommüll läßt sich in zwei Komponenten zerlegen:
(i) die allgemeine Kenntnis dessen, daß solch gefährliche Lagerstätten überhaupt existieren,
(ii) die spezielle Kenntnis der Orte und des Alters der Lagerstätten (bzw. der Daten der Einlagerung), die eine Bewertung der Risiken für jeden Zeitpunkt erlaubt.
Sind beide Informationen unbekannt, so liegt eine Gefahr in der zufälligen Entdeckung einer solchen Lagerstätte durch Forscher oder Wissenschaftler, die nicht auf die Möglichkeit der Strahlung gefaßt sind. Eine andere Gefahr entsteht durch plötzliche oder kontinuierliche Veränderungen der geologischen Situation, die das zugänglich machen oder an die Oberfläche befördern könnte, was vorher tief vergraben oder vom Meer bedeckt war. Weiter könnte sich auf die Dauer die Art der Versiegelung des radioaktiven Materials, die die Verbreitung und ihre Konsequenzen, die hochgradige Vergiftung der Umgebung, verhindern soll, als gefährlich erweisen: ein bestimmtes Maß an Kontrolle oder auch Überwachung könnte erforderlich werden, um eine kritische Verbreitung der Stoffe zu verhindern.
Wenn beide genannten Informationen weithin bekannt sind und an jede neue Generation weitergegeben werden (die Möglichkeiten dafür diskutieren wir später), gäbe es die Risiken entweder einer Art Psychose öder - im Gegenteil- einer generellen Ungläubigkeit, die die Bevölkerung im Falle einer Zunahme der Gefahr unvorbereitet ließe. Weiter könnten einige Personen versucht sein, ihr Wissen zur Vernichtung ihrer Feinde einzusetzen und/oder durch Terror Macht zu erlangen. Andere könnten die "gefährlichen" oder - noch schlechter - die "verbotenen" Plätze als persönliche Herausforderungen ihres Mutes begreifen, wie etwa bestimmte "heilige" Plätze unerwünschte Eindringlinge angezogen haben. Die Lagerstätten könnten gar, statt - wie durch die Verbreitung des Wissens über sie beabsichtigt - abstoßend zu erscheinen, zu Attraktionen werden.
Ein Ausweg könnte darin bestehen, die Informationen aus dem Gedächtnis der meisten Menschen verschwinden zu lassen und das einschlägige Wissen, besonders die genaue Kenntnis der Orte, zum Geheimnis einiger "happy few" zu machen. Natürlich würden die elitären Züge einer solchen Gesellschaft letzteren helfen, ihr Geheimnis in Erinnerung zu bewahren, denn die Menschen tendieren dazu, in Bezug auf den Erhalt eines bestimmten Privilegs, das sie von anderen Erdbewohnern scheidet, konservativ zu sein. Es entsteht dann allerdings das Risiko, daß die Eingeweihten durch ihre Besonderheit zur Megalomanie getrieben werden, oder daß sie in Reaktion auf Zweifel anderer die Lagerstätten einsetzen, um ihre untergeordneten Brüder und Schwestern zu terrorisieren. Quis custodiet ipsos custodes?
Wir glauben, daß die beiden genannten Arten der Information über die lange Zeitspanne, die unsere Zivilisationen von denen unserer Nachkommen trennt, verschieden behandelt werden sollten. Die Existenz solch gefährlicher Plätze, wie es Atommüllagerstätten sind, sollte im Gedächtnis bleiben, wie auch eine Methode, Strahlungen zu entdecken. Die genauen Orte und Zeiten sollten jedoch besser allgemein vergessen werden.
Für den Fall einer zufälligen Entdeckung sollten dennoch Gefahrenzeichen auf den Containern selber und in ihrer unmittelbaren Umgebung angebracht werden. Im Idealfalle sollten sie gleichzeitig diejenigen warnen, die sich über die Gefahr nicht klar sind, und diejenigen verstören, die ein Eindringen wagen wollen.

2. Wie kann eine Nachricht Jahrtausende lang empfangen werden?

Es ist anzunehmen, daß ein Wissen vergessen und nicht an die nächste Generation weitergegeben wird, wenn es nicht mehr von unmittelbarem Interesse ist. In der Vergangenheit ist es den Gläubigen gelungen, ihr Wissen über Leben und Tod in wundervollen Geschichten und suggestiven Ritualen zu übermitteln. Leider gibt es gegenwärtig keine universale Religion, und falls es eine gäbe, so wäre es immer noch schwierig, neue Informationen in diese einzuführen, wenn sie nicht durch den Religionsstifter autorisiert würden. Was die Stiftung einer neuen Religion betrifft, so ist kaum mit einem Erfolg zu rechnen, da wir ja wissen, daß vielerlei alte Religionen wieder verschwunden sind.
Kunstwerke (oder was als solches gilt, auch wenn es ursprünglich für andere Zwecke bestimmt war) werden vermutlich auch in Zukunft weitergegeben und kopiert oder restauriert werden, wenn sich die Notwendigkeit ergibt. Es bliebe zu hoffen, daß der Atommüll zahlreiche bekannte Dichter, Novellisten, Musiker, Maler und Bildhauer inspiriert. Doch wird es schwierig sein, auf diesem Wege ein in technischer Hinsicht so kompliziertes Wissen, wie es zum Bau eines Strahlendetektors erforderlich ist, oder die Kenntnis der genauen Orte und des Alters der Lagerstätten zu übermitteln. Die letztgenannten Informationen ließen sich wohl eher mittels einer Religion bewahren, die ja eine historische Dimension aufweist. Aber - wie gesagt - die Einzelheiten werden vermutlich verloren gehen. Denn da die Kultur sich enorm gewandelt haben wird, werden religiöse Praktiken und vielleicht auch Kunstwerke dann nur noch Dissertationsthemen für einige Archäologiestudenten darstellen.
Datierungen und Lokalisierungen mittels alter Dokumente stellen eine wissenschaftlich erfolgreiche und leistungsfähige Untersuchungsmethode dar. Diese Methode müßte von unseren Nachkommen verwendet werden, wenn die heutigen Maßangaben und Bezugspunkte sich ändern. Zum Beispiel wird sich die Form der Meere und Kontinente wandeln, und auch heutige astronomische Orientierungspunkte könnten mit der Zeit durch die Entwicklung des astronomischen Himmels irreführend werden.
Nach dem bisher Gesagten scheint uns die einzige Möglichkeit, technisches Wissen "auf ewig" zu erhalten, seine eigene Reproduktion. Da Reproduktion ohne besondere äußere Motivation eine Eigenschaft von Leben ist, sind wir gezwungen, in zoosemiotischen Begriffen über einen lebenden Strahlendetektor nachzudenken. Damit seine Spezies nicht ausstirbt, sollte er natürlich eine passende ökologische Nische haben. Und welche Nische ist besser als die des Menschen selbst, haben wir doch angenommen, daß er ebenfalls überlebt! Für unsere Zwecke bietet sich uns die Wahl zwischen den vielen Tieren, die bislang durch den Menschen erhalten worden sind. Damit wir einen effektiven Detektor bekommen, sollte das Tier auf eine Zunahme der Strahlung mit einer merklichen Änderung reagieren - allerdings nicht mit dem Tode. Tod könnte fälschlicherweise als natürlicher Tod gedeutet werden, der zufällig auftritt. Außerdem käme der Prozeß der Reproduktion dann aus dem Gleichgewicht. Es gibt einen interessanten Fall von Überempfindlichkeit gegen Strahlungen. Bei der Xeroderma pigmentosum bedeckt sich aufgrund eines genetischen Defekts der DNA-Reparaturmechanismen bei Strahlung die Haut mit Flecken und Malen. Das soll nur ein Beispiel für eine Empfindlichkeit sein, die auf andere Tierarten übertragen werden könnte.
Nichtsdestoweniger ist die Frage noch offen, wie die Verwendung des Detektors den Menschen im Gedächtnis bleiben soll. Auch wenn das Problem kleiner ist, wenn wir es auf ein Lebewesen beziehen, so hängt die Lösung doch von einer sorgfältigen Wahl der Spezies ab. Es wäre z.B. nicht günstig, einen Mikroorganismus zu wählen, der erst durch die Zunahme von Strahlung sichtbar wird. Die Gegenwart des Detektors sollte vielmehr seinen Wirt in Gedanken ständig beschäftigen und etwas wie ein Gefühl auslösen, das die Erinnerung so erleichtert, wie religiöse Überzeugungen oder ästhetisches Wohlgefallen die Chance der Erhaltung bestimmter Aufzeichnungen erhöht haben. Wenn der Detektor ein nettes, wenig anspruchsvolles und freundliches Tier wäre, z. B. eine Katze, die als Hausgenossin schon von den alten Ägyptern geschätzt wurde, so ist es wahrscheinlich, daß die Nachkommenschaft einer Art über die Jahrtausende fortdauern könnte. Die Tierart sollte einen sorgfältig gewählten Namen bekommen, der gleichzeitig suggestiv und rätselhaft ist. Er sollte die Neugierde neuer Generationen erregen. So könnten etwa durch die Erläuterung des Namens "Strahlenkatze" (engl. "ray cat", frz. "radiochat") die Detektor-Fähigkeiten des Tieres tradiert werden.
Eigentlich könnte jedes Tier, bei dem sich die Menschen daran gewöhnt haben, es in ihre Wohnung zu nehmen und zu füttern, oder auch jede dekorative Pflanze, die für Detektorzwecke manipuliert worden ist, verwendet werden. Sobald wie möglich sollte eine Vielzahl lebender Detektoren angeboten werden und von den Menschen, die in der Nähe von Kernkraftwerken leben und sich über die Risiken im klaren sind, getestet werden. Es ist einfacher, ein Wissen auf dem sanften Wege zu verbreiten und dem vorgezeichneten Weg einer alten Kulturpraxis zu folgen, als eine neue Religion zu stiften oder den Menschen neue Kunstwerke aufzudrängen.
Wenn der Detektor seine Effizienz in naher Zukunft erwiesen haben wird, so wird sein Gebrauch durch spontan entstehende Sprichwörter, Märchen, Erzählungen oder Mythen im kollektiven Gedächtnis bleiben. Eine Sammlung von volkstümlichen Erzählungen könnte vorbereitet werden. Neuere Kenntnisse über Sprachkunst könnten dabei von Nutzen sein. Ein Wissen der beschriebenen Art könnte eventuell dadurch vor den Auswirkungen des Kulturwandels geschützt werden, daß es zeitweise in einen bloß angenehmen Brauch oder in die Verehrung eines Hausgottes übergeht.

3. Welche Arten von Zeichen werden in 10000 Jahren noch signifikant sein?

Bevor Zeichen für die Zukunft entworfen werden, scheint es uns angebracht, einen kritischen Blick auf die heute verwendeten Zeichen zu werfen. Peirce und Greimas bieten hier angemessene Klassifikationen. Zunächst können wir unterscheiden:
a. Zeichen abstrakter Art (Symbole), die innerhalb einer gegebenen Kultur verständlich sind, und
b. Zeichen figurativer Art (Ikons), die durch ihre Ähnlichkeit mit tagtäglich beobachtbaren Eigenschaften von Dingen identifiziert werden können.
Nur die zweite Art kann für unsere Absichten genutzt werden. Ikonische Zeichen können z.B. eine anthropomorphe Figur, die eine Handlung ausführt, oder auch ein bestimmtes Objekt darstellen. Im letztgenannten Falle fragt sich, wie die Beziehung zwischen dem Objekt und den Handlungen, die das Zeichen fordert, beschaffen sein kann. Klären wir die Probleme anhand von Beispielen:
Das Bild eines gebratenen Hähnchenschenkels bedeutet, daß es an dem Platz, der durch dieses Zeichen gekennzeichnet ist, Hähnchenschenkel zu kaufen gibt. In diesem Falle ist das repräsentierte Objekt genau das Wertobjekt, das ein bestimmtes Bedürfnis sofort stillen kann. Die Zeichnung gibt jedoch nicht die Maße des Objekts wieder, weshalb es genausogut als Schinken oder Keule identifiziert werden könnte. Das kann verhindert werden, wenn weitere, klarere Zeichen vorhanden sind - z.B. solche, die den Koch (durch seine Mütze erkennbar) bei der Zubereitung des Hähnchens zeigen. - In anderen Fällen repräsentiert das Zeichen gerade nicht das Objekt, auf das die geforderten Handlungen sich richten sollen: ein Zeichen, das Messer und Gabel abbildet, bedeutet "Möglichkeit zu Essen", nicht aber "Möglichkeit, Messer und Gabel zu kaufen". Das Zeichen zeigt hier ein Werkzeug, das kulturspezifisch zum Handlungsprogramm "Essen" gehört. - Ein Schädel mit gekreuzten Knochen soll dagegen den letzten Zustand eines Menschen zeigen, der sich an die so bezeichnete Stelle begibt. - Könnte nun in einer anderen Kultur ein Bild mit Messer und Gabel nicht bedeuten, daß unliebsame Eindringlinge gegessen werden? Oder könnte der Jolly Roger nicht besagen, daß Kunden hier Gelegenheit zum Kauf von Knochen haben?
Um die aufgezeigten Probleme zu lösen, könnte man die ganze jeweilige Geschichte - angefangen beim Sender und aufgehört beim abschließenden Zustand des Lesenden - in Bildern erzählen. Was aber verhindert ein Rückwärtslesen? Wieso wird nicht - um auf das erste Beispiel zurückzukommen statt "Hier gibt es etwas Bestimmtes zu essen" gelesen: "Wie man Koch wird"? Der Leser könnte einer Reihe von Zeichnungen auch statt einer syntagmatischen eine paradigmatische Interpretation geben. Wenn ein Signalkomplex wie ein "Cartoon" gebraucht werden sollte, dann müßten Semiotiker darüber nachdenken, wie Anfangs- und Schlußsignale übermittelt werden sollen oder wie die Irreversibilität des Lesens garantiert werden kann. Die Frage der Irreversibilität muß auch in dem Fall berücksichtigt werden, in dem die Zeichen menschliche Gestalten darstellen, die eine Handlung durchführen. Diese Zeichen scheinen auf die Dauer gesehen suggestiver zu sein als Zeichen, die Objekte repräsentieren: ob ein Objekt anziehend oder abstoßend ist, kann nicht auf einer Zeichnung übermittelt werden. Vielmehr hängen solche Beurteilungen von dem allgemeinen Geschmack ab, der durch die kulturelle Umgebung eines Subjekts geformt wird. Verlangen, Vergnügen, Furcht oder Abscheu werden einem Beobachter dagegen durch Mimik und Gestik bedeutet. Diese Ausdrucksweisen sind stärker von der menschlichen Morphologie als von kulturellen Normen abhängig. Sie reagieren deshalb auch weniger empfindlich auf eine allgemeine Geschmacksänderung. Darüber hinaus ist die Morphologie eine Eigenschaft des Menschen, die sich vermutlich in 10000 Jahren wenig ändern wird, da sie bereits wesentlich länger existiert.
Was nun die Kennzeichnung der Abfallcontainer selbst mit einem Strahlenzeichen angeht, so ist hier die Phantasie durch technische Zwänge eingeschränkt. Das Zeichen sollte einfach genug sein, um während der Verarbeitung des Atommülls automatisch auf die Container aufgebracht zu werden. Wir möchten aufgrund der obigen Überlegungen ein anthropomorphes Signal vorschlagen. Die Abbildung eines brechenden Auges kann verwendet werden. Das Auge ist eine geläufige metonymische Repräsentation des Menschen, denn das Gesicht ist eine der hervorragendsten Möglichkeiten des Kontaktes mit der wahrnehmbaren Welt. Da das Auge ein Rezeptor für Licht ist, hat es auch Bezug zu Strahlen. Das Bild eines brechenden Auges ist ein figuratives Zeichen, das die Diskontinuität repräsentiert. Diskontinuität wird aber wahrscheinlich für den Menschen schwer erträglich bleiben, wenn die natürlichen Tendenzen der menschlichen Ängste weiterbestehen, da sie mit dem eigenen Tod und unvorhergesehenen (Natur-)Katastrophen assoziiert wird. Daß der Prozeß des Brechens und nicht ein bereits gebrochenes Auge dargestellt wird, kann dadurch deutlich gemacht werden, daß die Bruchlinie oben breiter als unten gezeichnet wird. Das legt nahe, daß die immer erfahrbare Erdanziehungskraft das Auge unwiderruflich auseinanderfallen lassen wird. Natürlich sollte die Darstellung des Auges nicht symmetrisch sein, damit sie unabhängig von der Lage richtig gelesen wird. (Es könnte z.B. eine Augenbraue hinzugefügt werden.) Dieses Zeichen sollte eigentlich genügend abschreckende Eigenschaften für zufällige Entdecker der Müllager aufweisen. Wenn das technisch möglich ist, könnte rote Farbe benutzt werden, da Rot die Farbe des vergossenen Blutes ist und mit Verwundungs- und Todesgefahr verbunden wird.
Auch die Nähe der Lagerstätte sollte signalisiert werden, obwohl unsicher ist, ob solche Zeichen überdauern können, da sich die Topologie des Ortes mit der Zeit ändern könnte (während die Container unzerstörbar sein sollen!). Es wäre ein akustisches Signal denkbar, das das visuelle Zeichen ergänzen könnte: akustische Signale haben im Gegensatz zu visuellen eine eingebaute syntagmatische Struktur. Es könnte allerdings schwierig sein, ein Töne erzeugendes Gerät zu realisieren, das noch nach 10000 Jahren funktionsfähig ist. Das gilt selbst, wenn die Strahlungen, die von den Abfällen ausgehen, als seine Energiequelle dienen würden. Sicherer wäre es vielleicht, den Eindringling selbst als Lärmquelle zu benutzen, wobei die Lautstärke passiv durch Echos oder Schallschutz moduliert werden könnte. Mittel, die den Klang zurückwerfen, könnten angemessen sein, wenn die Lager alte Bergwerke sind.
Was auch immer die Lösung für die Lauterzeugung sein mag, an der Peripherie des gefährlichen Ortes sollte der Ton lauter sein, wenn sich jemand in Richtung auf die Lagerstätte bewegt - und leiser, wenn jemand in die entgegengesetzte Richtung geht, damit diejenigen, die nicht in Gefahr geraten möchten, zu den Ausgängen geleitet werden. In der Nähe der Gefahrenzone sollte dagegen die Intensität der Laute in aleatorischer Weise moduliert werden, um diejenigen, die weiter ins Innere des Lagers vordringen wollen, zu verwirren, zu entmutigen oder zurückzuhalten. Das Gangsystem eines Bergwerkes könnte etwa die Rolle eines Labyrinths spielen, das nicht nur durch die Topographie des Ortes, sondern auch durch die Art der Klangsignale verwirrend wirkt. Wenn ein verläßliches Laute erzeugendes Gerät zur Verfügung stünde, wären auch raffiniertere Klangmodulationen möglich. Außer Variationen der Intensität und des Rhythmus könnten auch Veränderungen der Wellenlänge erreicht werden. Ein Signal, das zu einem bestimmte Ort hinleiten soll, kann nur wirksam sein, wenn sich eine oder mehrere seiner Qualitäten mit dem Abstand vom Ziel ändern. Ein einfaches Warnsignal muß dagegen vor allem auf sich selber aufmerksam machen können. Normalerweise kann das durch plötzliches Einsetzen und/oder Abbrechen, durch Wiederholen von Klangsequenzen oder durch andere Prozesse erreicht werden, die durch das gekennzeichnet sind, was die Semiotiker als deren "Aspekt" bezeichnen.
Weiter sollte das Signal in irgendeiner Form dem Phänomen ähnlich sein, vor dem es warnt, wenigstens was seinen euphorischen oder dysphorischen Charakter angeht. So wurde während des letzten Krieges die Annäherung von Bombern durch Sirenen angekündigt und das Ende der Gefahr durch kurze wiederholte Laute signalisiert. Solche Klangsignale sind syntagmatische Phänomene. Wenn sie einsetzen, erzeugen sie eine Erwartungshaltung: diejenigen, die sie hören, versuchen zu erraten, was folgen wird. Wenn die Laute einen festen Rhythmus haben, ist das einfach; versucht jemand, eine Melodie herauszuhören, so wird er überraschende Wendungen als angenehm empfinden; Wiederholungen wirken ermüdend, man kann sich aber daran gewöhnen und die Lautfolge vergessen. Der Klang von Sirenen wirkt jedoch deprimierend, was daran liegen könnte, daß er keine definitive "Form" hat. Der beunruhigende Charakter des Signals könnte durch völlig unerwartete Sequenzen, die die Identifikation jeglicher Struktur verhindern, verstärkt werden. Solche Sequenzen könnten durch zufällige Variation von Lautfrequenzen und -intensitäten oder durch willkürlich verteilte Lärm- und Ruheperioden erzeugt werden. Das könnte mit einer einzigen Lärmquelle erreicht werden oder auch mit mehreren Geräten, die unregelmäßig und zufällig Interferenzen produzieren. Der Grundgedanke bei diesen Vorschlägen ist, eine Art Labyrinth oder vielmehr ein Chaos herzustellen, das menschliche wie nicht-menschliche Eindringlinge verwirrt.
Es sei angemerkt, daß ein ähnlicher Effekt erzielt werden könnte, wenn entsprechende Modifikationen von Lichtsignalen verwendet würden. Dabei besteht allerdings das Problem, daß das Spiel mit dem Licht einen zu schönen Anblick bieten könnte.
Unter anderem deshalb möchten wir eine letzte relevante Frage stellen: wird ein Subjekt die Bedeutung und den perlokutiven Effekt der warnenden Nachricht wörtlich nehmen und akzeptieren? Wird es sie als Fiktion lesen? Der dann vorhersehbare Effekt wäre ein durchaus anderer als der gewünschte - und wir könnten es nicht ändern.
Für eine Maus ist eine Falle eine Falle. Daher kommt es auch, daß Mausefallen funktionieren.
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